Happy hour in Wigan

Happy hour in Wigan

Wer eine Antwort sucht, warum der verschrobene Sozialist Jeremy Corbyn als Chef der Labour-Partei durchgeht, wird in Wigan fündig - einer heruntergekommenen Arbeiterstadt in Nordengland.

Auf dem Weg zum Wigan-Pier, den George Orwell 1936 in seiner bitteren und brillanten Sozialreportage „The Road to Wigan Pier“ beschrieben hat, steht ein Regenbogen aus bunten Luftballons. So fröhlich präsentiert sich ein Autohaus zwei jungen Frauen, die auf hohen Absätzen an ihm vorbei ins Stadtzentrum schreiten. Sie lassen die Ballons links liegen. So schnell wird hier kein Auto gekauft. Außerdem ist jetzt gleich Happy Hour in Harry’s Bar oben an der Hauptstraße.

http://cicero.de/weltbuehne/grossbritannien-und-die-eu-keiner-weiss-was-brexit-heisst

Am Donnerstag soll es einen neuen britischen EU-Kommissar in Brüssel geben. Das ist aber auch das einzige, was knapp drei Monate nach dem Brexit-Votum an klaren Maßnahmen gesetzt wurde.

Der neue britische EU-Kommissar wird wohl auch der letzte sein. Sir Julian King, bisher britischer Botschafter in Paris, soll nach Brüssel wechseln. Am Montag abend wollten die EU-Parlamentarier ihn anhören, am Donnerstag dürfte er dann bestätigt werden. Kings Job als Juniorkommissar für Sicherheit wurde extra von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker erfunden, nachdem sein britischer Vorgänger Jonathan Hill, der das mächtige Finanzressort geleitet hatte, frustriert seinen Hut genommen hatte. In der EU-Kommission soll der 52jährige Diplomat King noch Dienst nach Vorschrift schieben, bis sein Land den Brexit vollendet hat.

Nach dem Brexit-Schock hätte die britische Labour-Partei politische Chancen wie selten zuvor – stattdessen zerlegt sie sich gerade selbst: Dank ihrem Chef Jeremy Corbyn und hunderttausend neuer Mitglieder.

Das ist eine aktualisierte Fassung eines Artikels, der in profil erschienen ist.

Was macht ein linker britischer Oppositionsführer, um der Welt die scheußlichen Folgen des Neoliberalismus vor Augen zu führen? Wenn er Jeremy Corbyn heißt, kauert er sich bei der Anreise zu einem Wahlkampfauftritt auf den Boden einer Zugsgarnitur und beklagt wortreich, dass er keinen Sitzplatz mehr gefunden habe: Alle Waggons seien „gerammelt voll“ – eine Folge der Privatisierung des Bahnverkehrs, unter der viele Pendler zu leiden hätten.
Das Video, das der Labour-Chef Mitte August von seiner Protestaktion online stellte, erwies sich als Hit. Allerdings nur für seine Gegner. Wenig später konterte der Zugsbetreiber Virgin – das Unternehmen des Multimilliardärs Richard Branson – mit Videos aus einer Überwachungskamera. Sie zeigen, dass der Zug nur halb voll ist, und Corbyn sich nach vollbrachter Jeremiade auf einem der zahlreichen freien Plätze niederlässt.

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© 2018 Tessa Szyszkowitz