Die Eiserne Lady 2.0

Die Eiserne Lady 2.0




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Die britische Außenministerin Liz Truss ist Boris Johnsons designierte Nachfolgerin. Sie spricht, kleidet sich und politisiert wie Margaret Thatcher. Beim konservativen Parteivolk auf der Brexitinsel kommt das gut an.  

Im Jahr 2015 klang sie noch so: „Die EU ist und bleibt ein sehr wichtiger Markt für unsere Bauern. Ich möchte das Vereinigte Königreich als Teil einer reformierten EU sehen, in der wir von den Vorteilen des Binnenmarktes profitieren können.“ 2022 würde Liz Truss diese Stellungnahme als Häresie ansehen. 
Die britische Außenministerin ist mit der Zeit gegangen. Sie konvertierte von einer EU-kritischen Remainerin (für den Verbleib in der EU) zu einer ultraharten Brexiteerin. Das nicht ohne Grund – und auch nicht ohne Erfolg. Denn ihre Metamorphose hat sie von einer Umweltministerin unter Premier David Cameron 2014 zur Justizministerin von Premier Theresa Mays Gnaden 2016 und danach zur Außenministerin unter Premier Boris Johnson aufsteigen lassen. 
 Jetzt steht die 47-jährige Konservative knapp vor Erreichen des Top-Jobs: Nach allen Umfragen und Analysen wird sie in diesen Tagen von den Mitgliedern der Tory-Partei zur neuen Parteichefin und Nachfolgerin von Boris Johnson gewählt. Gewinnt sie in der Stichwahl gegen Rishi Sunak, den früheren Finanzminister, dann übernimmt sie gleichzeitig Partei und Regierung. Ohne weitere Wahlen zöge sie am 6. September in Downing Street Nummer 10 ein, dem Sitz des Premierministers oder der Premierministerin. Liz Truss wäre nach Margaret Thatcher und Theresa May bereits die dritte Regierungschefin Großbritanniens. Alle drei übrigens Konservative. Die glücklose Theresa May, die sich von 2016 bis 2019 am Brexitprozess abarbeitete, erwähnt Liz Truss nie. Margaret Thatcher dagegen ist ihr Vorbild. Die legendäre „Iron Lady“, die von 1979 bis 1990 lustvoll gegen Gewerkschaften kämpfte und Britannien privatisierte, wird in konservativen Kreisen nach wie vor verehrt. Ob aus tief empfundener Liebe oder politischem Kalkül – Liz Truss inszeniert sich als Eiserne Lady 2.0 und kleidet sich sogar wie ihr Vorbild. 
Zu einer Leadership-Debatte mit den anderen Kandidaten Mitte Juli erschien sie wie einst Margaret Thatcher 1979 in einem Wahlkampf-Clip in weißer Seidenbluse mit großer Seitenschleife und schwarzem Blazer. Ein gewagter Schritt, sich ohne Rücksicht auf Verluste über vier Jahrzehnte in die – konservative – Modegeschichte zurückzukatapultieren. Doch was tut man nicht alles für eine gelungene Karriere. 
Truss greift ohne Scheu zu Kälbern, Panzern oder Pelzmützen am Roten Platz in Moskau, wenn sie damit Nähe zu ihrem Vorbild Maggie signalisieren kann. Der Thatcherismus passt ihr auch inhaltlich. 1982 schickte Margaret Thatcher britische Kriegsschiffe ans andere Ende der Welt. Auf den Falkland-Inseln, die vom britischen Empire übrig geblieben waren, drohte die Übernahme durch Argentinien. Der kleine Krieg außerhalb des Landes half, ihre innenpolitischen Querelen aus den Schlagzeilen zu verdrängen. Thatcher siegte. In ihren Memoiren „Downing Street Years“ schrieb sie ein paar Jahre später: „Wenn man im Krieg ist, kann man sein Denken nicht von Schwierigkeiten dominieren lassen. Da brauchst du einen eisernen Willen.“ 
Härte im Kriegsfall – an diesen Rat der Iron Lady hält sich Liz Truss gerne. Wenn sie als Außenministerin eines der mächtigen NATO-Verbündeten eindeutig für die Ukraine und gegen Russland Stellung bezieht, dann weiß sie das gesamte Vereinigte Königreich hinter sich. Bis auf Ex-Labour-Chef Jeremy Corbyn natürlich. Auch der bisherige Regierungschef Boris Johnson stand dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vom ersten Invasionstag am 24. Februar 2022 an mit militärischer und diplomatischer Hilfe zur Seite. 
Boris who?, fragen sich die Briten derzeit. Seit er am 7. Juli wegen Charakterschwäche und größeren und kleineren Skandalen rund um Covid-Partys und Korruptionsaffären zurücktreten musste, scheint der ehemalige Volksliebling verschwunden zu sein. Er weigerte sich zwar, seine Dienstwohnung vor dem 5. September zu verlassen, wenn die Nachfolgerin gekürt wird, große Entscheidungen aber trifft er nicht mehr. Er urlaubt lieber. Diese Woche ertappte ihn das Boulevardblatt „The Sun“ dabei, wie er in einem griechischen Supermarkt Lebensmittel in einen Einkaufskorb schlichtete. 
Truss dagegen vermittelt Tatkraft: „Ich werde von der ersten Minute an eine Premierministerin für alle sein.“ Und im Fall der Ukraine verspricht sie: „Wir bleiben auf lange Sicht dabei.“ Denn: „Es wird in Europa keinen Frieden und keine Sicherheit geben, wenn wir die Ukraine nicht unterstützen.“ Die britische Regierung gibt an, dass sie bisher 4,5 Milliarden Euro für ökonomische und militärische Hilfe für die Ukraine ausgegeben hat. 
Das klare Bekenntnis zum westlichen Militärbündnis wird britischen Politikern – und nicht nur den Konservativen – mit dem ersten Pint im Pub mitgegeben. Liz Truss ist da keine Ausnahme. Die Sanktionen, die Waffenlieferungen, die harte Linie gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin – all das trägt die Frau, die Britanniens neue Eiserne Lady werden will, ganz selbstverständlich mit. „Es wird in Europa keinen Frieden und keine Sicherheit geben, wenn wir die Ukraine nicht unterstützen.“ Liz Truss, Kandidatin für den Parteivorsitz der Tories Schon bevor Putin über die Ukraine herfiel, ließ sie ihm bei einem Besuch in Moskau Anfang Februar durch ihren Amtskollegen Sergej Lawrow ausrichten: „Bei einem Einmarsch in der Ukraine werden die Konsequenzen schwerwiegend sein.“ 
Der frauenfeindliche Machismo, mit dem Lawrow und Putin Frauen gerne behandeln und mit dem sie sich in Moskau konfrontiert sah, schien sie dabei nicht weiter zu kümmern. Obwohl Lawrow sie aufs Glatteis führte und absichtlich in irreführende territoriale Diskussionen verwickelte, zeigte sie sich anschließend recht locker: „Sergej Lawrow und ich hatten ein sehr angenehmes Gespräch, er war sehr höflich“, sagte sie direkt nach ihrer Rückkehr aus Moskau zu profil. Gefühlspegel, zumindest nach außen hin: null. Obwohl sie eine anstrengende Reise ohne nennenswerten Erfolg hinter sich hatte, wirkte sie bei einem Treffen mit EU-Medien erstaunlich gelassen. Anders als in ihren offiziell einstudierten Reden, in denen sie oft unsicher und kantig wirkt, muss sie sich in kleinem Rahmen nicht bemühen, aus dem großen Schatten der Vorgänger und Vorgängerinnen zu treten. Vielleicht sieht sie die internationale Bühne letztlich auch nicht als entscheidend an. Wer Downing Street im Blick hat, muss schließlich zu Hause in Mittelengland – dem Wählerreservoir der Mittelschicht – punkten. 
Was ihr zu fehlen scheint, ist eine weitverbreitete Eigenschaft in der britischen Politelite, die sich vielleicht aus einem Minderwertigkeitskomplex speist: Arroganz. Diese hinterhältige Idee, etwas Besseres zu sein, tragen viele Briten noch in sich. Großbritannien war schließlich bis zum Ende des britischen Empires in den 1950er-Jahren Weltmacht. Seit dem Brexit ist es nicht mal mehr eines der großen, einflussreichen Mitglieder der EU. Die traurige Realität einer mittleren Macht in Europa kann man schon mit Arroganz (und Ignoranz) zu kompensieren versuchen. Bei Boris Johnson hat man das in donnernden Referenzen an einstige Größe während seiner Brexit-Kampagne und später als Premier oft zelebriert. 
Liz Truss dagegen gibt es eine Nummer kleiner. Sie ist Mrs. Middle Class. Sie hat zwei Töchter, ist verheiratet. Auch das eine Parallele zu Thatcher, die Topkarriere machte, obwohl sie Mann und Kinder hatte. Wobei es 1979 noch eine aufregende Neuigkeit war, als zum ersten Mal ein First Husband in Downing Street einzog. Diese bürgerliche Normalität ist ein Schlüssel zu ihrem Erfolg. Liz Truss strahlt aus, was auch Margaret Thatcher ins politische Geschäft mitbrachte und was später zum Titel einer ihrer Biografien wurde: Beide sind für ihre Wähler und Wählerinnen „One of Us“ – Eine von uns.

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© 2018 Tessa Szyszkowitz