Verschwinde! Die Politik des „No Platformings“

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Verschwinde! Die Politik des „No Platformings“

Immer öfter werden Andersdenkende von Studierenden aus dem Hörsaal gepfiffen. Nun trifft es sogar linke Feministinnen. Ist die Redefreiheit in Gefahr? Oder kommen endlich Minderheiten gebührend zu Wort? Ein Überblick über eine riskante Entwicklung

ALEXANDER FODOR, TESSA SZYSZKOWITZ
FEUILLETON, FALTER 46/21 VOM 16.11.2021
 

Achtzehn Jahre lang hatte Kathleen Stock Philosophie an der Universität von Sussex in England unterrichtet. Ende Oktober reichte sie ihre Kündigung ein. Der 49-jährigen feministischen Professorin war die Kritik an ihren Positionen zu viel geworden. Weil sie öffentlich die Meinung vertreten hatte, dass es Menschen juristisch nicht einfacher gemacht werden soll, das Geschlecht zu wechseln, geriet sie in Konflikt mit der Transgender-Community. Professorin Stock wurde vorgeworfen, transphob zu sein.

„Kathleen Stock ist nicht transphob, sie ist nur der Meinung, dass es spezifische Frauenrechte geben sollte“, sagt Selina Todd, Professorin für moderne Geschichte in Oxford, die ebenfalls wegen ihrer feministischen Positionen hart angegriffen wird. „Studierende fühlten sich intellektuell von Kathleen Stock bedroht“, sagt dagegen Studentinnenvertreterin Amelia Jones. Die Transgender-Aktivisten beanspruchen für sich, sich ihr Geschlecht aussuchen zu können, inklusive der jeweiligen Rechte. Die Unileitung stellte sich bis zum Schluss hinter die Professorin. Stock ging trotzdem.

Die Empörung ist oft groß, wenn Studierende im Vereinigten Königreich oder in den Vereinigten Staaten Denkmäler stürzen, Auftritte stören oder auch schon im Vorfeld darauf drängen, dass ihnen nicht genehme Vortragende wieder ausgeladen werden. Von konservativen Kritikern werden diese Versuche gerne als Cancel Culture bezeichnet.

Symphatisierende sprechen lieber von „No Platforming“ oder „De-Platforming“, also jemandem keine Bühne zu geben. Sie sehen darin eine Chance, in den gesellschaftlichen Diskurs einzugreifen. Dafür steht die Generation „Woke“. Der Ausdruck ist in den 1930er-Jahren in der afroamerikanischen Community entstanden und versteht sich als Sammelausdruck für ein „erwachtes“ Bewusstsein für politisch und sozial relevante Themen.

 

Allerdings nimmt der an sich progressive Diskurs über die Durchsetzung von Menschenrechten teilweise autoritäre Züge an. Andere Meinungen werden oft in Shitstorms auf sozialen Medien niedergemacht. Die Debatte dreht sich außerdem rasant schnell weiter. Selbst Wohlmeinende kennen sich oft nicht mehr aus, was gerade das richtige Wort oder die richtige Haltung in Fragen wie „Black Lives Matter“, #Me­too, Dekolonialisierung oder Transgenderbelangen ist.

Alle Universitäten geben an, eine strikte Politik gegen De-Platforming zu fahren. Aus Angst vor Ausschreitungen werden aber manche Vortragende gar nicht mehr eingeladen. Wer bestimmt also nun, welcher Professor noch salonfähig oder lehrsaal­tauglich ist?

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© 2018 Tessa Szyszkowitz