"In getrennten Schlafzimmern"

Freut sich Karin Miuldin über den Brexit, für den sie vor knapp vier Jahren gestimmt hat?

 

von Tessa Szyszkowitz, Thurrock

 

Karin Miuldin freut sich schon auf den Februar. Denn dann ist Großbritannien nicht mehr EU-Mitglied. “Es hat sowieso schon viel zu lange gedauert”, meint die freundliche Engländerin, die mit ihrem Mann gerade eine Kaffeepause in einer Filiale der britischen Kette Costa einlegt. “Sonst reden wir ja nie miteinander”, meint Stephen lachend: “Uns fehlt die Zeit.”

 

Denn Karin betreibt einen Kindergarten in Thurrock, sie hat alle Hände voll zu tun. 43.000 Bewohner des Wahlkreises arbeiten vor Ort, 32.000 pendeln täglich in die Region London. Kinderbetreuung ist daher Toppriorität. “Die Kinder müssen oft den ganzen Tag bei mir bleiben, das ist bei Pendlern ganz normal.” Das graue Städtchen Grays im Wahlkreis Thurrock scheint Welten entfernt zu sein von der glamourösen Hauptstadt, obwohl es nur dreißig Kilmeter östlich von London liegt.

 

Grays hat eine lange Geschichte, die bis zu Richard Löwenherz 1195 zurückreicht, der der Familie Grays die Erlaubnis gab, sich hier anzusiedeln und von durchfahrenden Schiffen Maut zu verlangen. Diese Zeiten sind lange vorbei. Die Frustration vieler Engländer über mangelnde Zukunftschancen hat in Thurrock wie in vielen englischen Landschaften zu einem hohen Brexitvotum geführt. Mit 72 Prozent war es das dritthöchste Votum gegen die EU in ganz Großbritannien. Die Personenfreizügigkeit des EU-Binnenmarktes hat gerade hier nach Ostengland viele osteuropäische Arbeiter gebracht.

 

“Wir wollen einfach unsere nationale Unabhängigkeit zurück”, meint Karin Miuldin: “Wir wollen bestimmen, wie viele Ausländer hierherkommen dürfen.” England sei früher eine Weltmacht gewesen und so wird es jetzt auch wieder sein: “Wir brauchen die EU nicht, sie behindert uns nur.”

 

Die Arme der Freundschaft sollen trotzdem in alle Richtungen ausgestreckt werden. In den Pubs der Kette Wetherspoons wird im Februar als Zeichen der paneuropäischen Freundschaft unter dem Motto “Let’s stay friends” sogar verbilligtes Bier aus Deutschland angeboten. Eine Flasche Beck’s kostet dann nur 1,49 Pfund, umgerechnet 1,79 Euro.

 

Dieses Angebot an billiger Völkerfreundschaft will Karin gerne annehmen: “Wir verlassen ja nicht Europa, wir haben gerade ein Haus in Spanien gekauft.” Importprodukte dürften nach Dezember 2020 teurer werden, wenn der Plan nicht aufgeht, innerhalb der nächsten Monate ein Freihandelsabkommen mit der EU auszuhandeln. Auch das Service könnte leiden. Zwanzig Prozent der Baristas in der Costa-Filiale stammen aus der EU und dürfen vielleicht nach den neuen strikten Arbeitsvisa-Regeln bald nicht mehr hier arbeiten. Ob es sie stört, dass der Brexit erst einmal viel Geld kosten wird? “Mir sind die Kosten für den Brexit ehrlich gesagt egal”, meint Karin.

 

Ehemann Stephen hört seiner Frau zu. Er schüttelt den Kopf. “Ich bin nicht ihrer Meinung, ich glaube wir machen einen großen Fehler.” Die wirtschaftliche Vernetzung mit dem größten Handelsblock in der Nachbarschaft freiwillig aufgeben, ohne zu wissen, was danach droht? Das scheint Stephen Miuldin ein recht waghalsiges Unterfangen zu sein. Er hat deshalb beim Referendum für den Verbleib in der EU gestimmt. Karin aber wählte damals den Brexit. “Seitdem nächtigen wir in getrennten Schlafzimmern”, meint er. Miuldin lacht, als wäre das ein Witz. Und fügt hinzu: “Ich liebe sie aber trotzdem.”

 

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© 2018 Tessa Szyszkowitz