Drei gegen Boris


Drei gegen Boris

Der Austritt Großbritanniens aus der EU spaltet nicht nur das Land, sondern auch viele Familien: Beispielsweise die Johnsons, deren ältester Sohn den Brexit verursacht hat – sehr zum Ärger seiner Geschwister.

Von Tessa Szyszkowitz, London

Eigentlich ist Rachel Johnson Journalistin und Romanautorin, aber seit ihr Bruder Boris Großbritannien in den Brexit getrieben hat, ist sie Expertin für „Borisologie“ geworden. Nur zögerlich hat sie zugestimmt, mit profil zu sprechen. „Ich liebe meinen Bruder, das ist klar“, sagt die energetische Mutter dreier Kinder: „Ich versuche, den privaten Boris vom politischen zu trennen.“

Willkommen bei den Johnsons. Der Brexit spaltet nicht nur Großbritannien, der Riss geht oft auch durch die Familien. Das Paradebeispiel sind die vier Geschwister Johnson. Zwei waren bis vor kurzem Minister im Kabinett von Theresa May. Der 54-jährige Boris – bekannt als charismatisches, redseliges Schwergewicht der britischen Konservativen – trat als Außenminister im Juli aus Protest gegen Theresa Mays sanften Brexit-Plan zurück.

Jo, der 46-jährige Nachzügler, war bis November Staatssekretär im Transportministerium. Er ist im Vergleich zum flamboyanten großen Bruder ein eher unauffälliger Typ. Aber der noch viel größere Unterschied ist: Jo ist Proeuropäer. Auch er trat zurück – allerdings, weil er statt Mays Deal lieber gar keinen Brexit wollte.

Und dann gibt es noch die beiden Sandwich-Geschwister Rachel (53) und Leo (52). Als Jo eine zweite Volksabstimmung forderte, um den EU-Austritt abzuwenden, applaudierten beide auf Twitter: „Irrsinnig stolz auf dich, Bruder Jo!“, schrieb Rachel. „Wir brauchen ein Referendum, das auf Fakten beruht @BorisJohnson“, rüffelte Leo den größeren Bruder.

Längst tragen die vier Blondschöpfe ihre Streitereien öffentlich aus. Die Meinungsschere im Hause Johnson geht immer weiter auf. Der Brexit hat die Identitätskrise der Briten zum Ausbruch gebracht.

Die für ihre sprichwörtliche Gelassenheit und ihren Pragmatismus bekannte britische Gesellschaft ist tief verunsichert: Niemand weiß, wie der Austritt aus der EU am 29. März 2019 vor sich gehen wird. Was geschieht, wenn er stattfindet. Und was los sein wird, wenn er doch ausbleibt. Der Brexit ist ein irrwitziges Gesellschaftsdrama geworden, und die Johnsons spielen dabei tragende Rollen.

„Wenn wir diesen Deal annehmen, werden wir de facto eine Kolonie!“, rief Boris letzte Woche im House of Commons, dem britischen Unterhaus, in dem er seit seinem Rücktritt auf den Hinterbänken der Tories sitzt. Von dort aus heizt er die Stimmung gegen die eigene Parteichefin an: „Aus reinem Bammel stellen wir sicher, dass wir niemals die Freiheiten nützen werden können, die der Brexit uns geben hätte sollen!“

Ausnahmsweise ist das nicht gelogen. Der Austrittsvertrag, den die konservative Premierministerin mit der EU ausgehandelt hat, ist in der Tat kein großer Wurf. Sollte er entgegen aller Erwartungen diesen Dienstag doch noch vom Parlament angenommen werden, dann wird der 29. März 2019 nicht als triumphaler Unabhängigkeitstag gefeiert werden.

Aus dem Brexit ist ein schmählicher Abgang geworden. Die meisten EU-Regeln müssten die Briten immer noch auf Jahre mittragen, ohne über sie mitbestimmen zu dürfen. Denn Mays Kompromiss versucht, es allen Seiten recht zu machen. Deshalb ist auch keiner zufrieden. Den EU-Feinden ist der Scheidungsvertrag nicht hart genug, den EU-Freunden geht er zu weit.

Noch wahrscheinlicher ist aber, dass die britischen Parlamentarier sich nicht hinter Mays Deal stellen und nicht nur politisches Chaos ausbricht, sondern bei den Johnsons auch familiäres: „Pestminster“ – so nennt Rachel Westminster, das politische Zentrum des Königreichs boshaft – „werden wir beim Weihnachtsessen zu umgehen versuchen.“

Aber wie bloß?

Sollte die Premierministerin mit ihrem Plan scheitern, dann steht auch ihr politisches Schicksal zur Disposition. Die Tory-Rebellen werden versuchen, die Parteichefin nach einem Misstrauensvotum mit einem harten Brexitier zu ersetzen, um dann einen harten Brexit oder sogar einen Austritt ohne Abkommen mit der EU anzustreben. Jeremy Corbyn von der Labour-Partei will Neuwahlen erzwingen und selbst in Downing Street einziehen, um dann einen sanften Austritt mit der EU auszuhandeln. Das proeuropäische Camp beider Seiten wiederum will ein zweites Volksbegehren zum Thema.

Vorerst hat das Brexit-Chaos immerhin dazu geführt, dass die Johnsons sich in einem einig sind: „Theresa Mays Plan ist eine tote Ente“, grinst Rachel. „Der Brexit hat das Land, die Parteien und die Familien entzweit. Die Nation vor die Wahl zwischen zwei sehr unattraktiven Optionen zu stellen – Vasallentum und Chaos – ist ein Versagen britischer Staatskunst, das wir seit der Suez-Krise nicht mehr erlebt haben“, hat Bruder Jo in seinem Rücktrittschreiben argumentiert.

Jo klingt derzeit fast wie sein großer Bruder Boris – allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Boris, der 2014 noch Zeit gefunden hatte, eine Biografie über seinen Helden Winston Churchill zu schreiben, wühlt gerne in der britischen Geschichte nach knackigen historischen Begriffen mit hoher sentimentaler Aufladung. Das ist gewissermaßen eine Familientradition, die auch Vater Stanley pflegt – die Johnsons sind akademisch anspruchsvolle, sozialliberale englische Konservative. Alle Kinder waren auf Eliteschulen und in Cambridge an der Universität. In der Familiengeschichte aber gibt es auch ein paar europäische Einsprengsel wie die De Pfeffels, ein süddeutsches Adelsgeschlecht. Boris beruft sich manchmal auch auf nicht näher bestimmte türkische Ahnen. Aber nur, wenn er gerade jemanden lustvoll provozieren will.

Die vier Geschwister sind dem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten. Allen sitzt der Schalk in den Augen, alle haben sein strohblondes Haar, das nur im Falle von Rachel den Anschein einer Frisur trägt. Das gesprochene und geschriebene Wort ist die wichtigste Waffe im Kampf um ihr tägliches Brot. Boris und Jo wurden erst Journalisten, dann konservative Politiker. Boris machte als Brüssel-Korrespondent des „Daily Telegraph“ Furore mit fulminanten Kommentaren, die nicht immer faktenfest waren. Jo dagegen begann bei der gediegenen „Financial Times“.

Der 52-jährige Leo leitet als Finanz- und Nachhaltigkeitsexperte eine BBC-Radioshow. Er nennt seine Schwester Rachel, die 2017 aus Protest gegen die Brexit-Politik der Tories den proeuropäischen Liberaldemokraten beitrat und unter anderem als Kolumnistin für die „Mail on Sunday“ schrieb, „eine Mini-Atombombe gegen Langeweile“. Der neue, europhoben Chefredakteur der Zeitung sah das offenbar anders: Er feuerte Rachel im vergangenen Herbst.

Über allen thront Vater Stanley, der seine Söhne gerne in Fernsehstudios begleitet. Johnson Senior lernte die Europäische Union kennen, als er erst in der EU-Kommission und dann bis 1984 für die Konservativen im Europäischen Parlament saß. Im Fernsehprogramm „Brexit Blind Dates“, bei dem die BBC EU-Feinde mit EU-Freunden zum Dinner mit Kamera einlädt, setzte sich der 78-jährige, als Schürzenjäger bekannte Single, Ende November mit einer halb so alten Brexit-Befürworterin an den Tisch: „In der Familie sind wir uns jetzt alle einig. Die Regierung ist mit dem Brexit gescheitert“, erzählte er völlig gelassen.

Sein Sohn Boris ist nicht nur als Politiker in Stanleys Fußstapfen getreten. Auch er gilt als unstet. Früher konnte man ihn auf Privatfesten bis lang in die Nacht hinein tanzen sehen, immer umschwirrt von Frauen. In diesem September zerbrach seine Ehe. Es ist nicht das einzige, was in diesem Jahr zu einem Ende kommen könnte.

Seit Jahren galt Boris als potentieller Parteichef und Premierminister der Konservativen. Als Bürgermeister von London bis 2016 war er äußerst beliebt, der repräsentative Job kam seinem Talent als gescheiter Hofnarr und charismatisches Enfant Terrible entgegen.

Angeblich war er bis zum 21. Februar 2016 nicht sicher gewesen, ob er sich für oder gegen den EU-Austritt aussprechen sollte. Dann schrieb er eine In- und eine Out-Kolumne für den EU-skeptischen „Daily Telegraph“ und schickte am Ende jene ab, die ihm besser gefiel und als Startschuss für seine erhoffte Karriere als Nachfolger des damaligen Premierministers David Camerons geeigneter erschien. Man kann die Entwürfe in Tim Shipmans Buch „All out war“ nachlesen – in die Brexit-Kolumne hat Johnson eindeutig mehr Herzblut investiert. So wurde er zum Anführer der EU-Feinde.

Inzwischen hat sich die Szene zu seinem Nachteil verändert. Boris’ Unwahrheiten in der Brexit-Kampagne haben den Realitäten der Austrittsverhandlungen nicht standgehalten. Im EU-Binnenmarkt bleiben und gleichzeitig die „Ketten Brüssels“ abzuwerfen, wie er versprochen hatte, wird nicht möglich sein. Will Großbritannien wirtschaftlich eng vernetzt sein, wird es auch Regeln der EU befolgen müssen. „Der Traum vom Brexit stirbt!“ hatte Boris bei seinem Rücktritt im Juli gerufen. Um im Spiel um die Nachfolge Mays zu bleiben, rückte er gemeinsam mit den Tory-Rebellen immer weiter nach rechts und hält heute schon ein „No-Deal“-Szenario für „längst nicht so schlimm wie manche Leute denken“.

Die Enttäuschung über den Brexit, über den keine rechte Freude mehr aufkommen will, trifft jetzt auch ihn. Sein Stern scheint im Sinken zu sein. „Boris Johnson hat Großbritannien ruiniert“, schreibt die „Sunday-Times“-Journalistin Jenni Russell. „Seine Schwächen sind nun für alle offensichtlich: sein fauler Widerwille, Details wahrzunehmen; seine Vorliebe für Gepolter zum Nachteil von Gedanken; seine Verachtung für das Business.“ Immer öfter wird statt Johnson der ehemalige Brexit-Minister Dominic Raab als möglicher Nachfolger von Theresa May genannt.

Die Geschwister beobachten das mit Sorge. Trotz ihrer politischen Differenzen pflegen die Johnsons ein recht intensives Familienleben. Als Boris beim Parteitag der Konservativen im Herbst seine große Brexit-Rede hielt, saßen Stanley, Rachel und Jo loyal in der ersten Reihe und applaudierten. „Manches von dem, was er sagt, stimmt ja durchaus“, sagt Rachel fast trotzig, „der Brexit der Premierministerin ist nicht gut für Großbritannien.“

Aber ist daran nicht auch Boris schuld, der den ganzen Prozess überhaupt ins Laufen gebracht hat? „Ich bin nicht für meinen Bruder verantwortlich“, sagt Rachel im Gespräch mit profil. Sie erzählt, dass sie geweint habe, als sie früh morgens am 24. Juni 2016 das Ergebnis des EU-Referendums erfuhr. Mit 51,9 zu 48,1 Prozent war das Ergebnis denkbar knapp für einen Austritt ausgefallen.

Rachel, Jo und Leo wollen deshalb eine zweite Volksabstimmung. Regierung und Parlament halten sie für handlungsunfähig, das Volks solle entscheiden. Für die Familie wäre das erneut eine Prüfung. „In diesem Fall werden meine Brüder wohl auf beiden Seiten der Kampagne stehen. Boris für Leave und Jo für Remain.“ Rachel hofft darauf, dass in diesem Fall die simple Frage gestellt wird: „Wollen Sie ohne Deal aus der EU ausscheiden oder unter den bestehenden Konditionen drin bleiben?“ Theresa May hat ein neues Plebiszit bisher jedoch ausgeschlossen.

Dass leidenschaftliche Brexitiere wie Boris Johnson und Nigel Farage erneut mit dem EU-Skeptiker Jeremy Corbyn ein Referendum ausfechten, halten selbst glühende Europäer für gefährlich. Es könnte nach hinten losgehen und den Brexit bestätigen: „Am besten wäre es natürlich, wenn wir den Artikel 50 einfach wieder zurückziehen und alles so bleibt, wie es ist“, seufzt Rachel Johnson.

Mitten im Brexit-Chaos ist nichts mehr auszuschließen. Für Gesprächsstoff – und Zoff – ist beim Weihnachtsessen der Johnsons in diesem Jahr jedenfalls gesorgt.

 

 

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© 2018 Tessa Szyszkowitz