Warum ich meine journalistische Unabhängigkeit aufgab

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Angesichts der Brexit-Kampagne wollte die österreichische Journalistin Tessa Szyszkowitz nicht mehr neutral bleiben. Sie schuf eine Social-Media-Kampagne, für die sie britische Passanten umarmte: #HugABrit – „Bitte verlasst uns nicht!“ Sogar UKIP-Chef Nigel Farage wurde geknuddelt.

Sie trugen lila, weiß und grün. Die Farben der Suffragetten. Wen es wundern mag, dass die Abgeordneten im House of Commons im Westminster-Palast zur Gedenkstunde für eine ermordete Parlamentarierin am Montag in den Farben der frühen britischen Feministinnen auftauchten, der kannte Jo Cox schlecht. Schon zu ihrer Hochzeit trugen die Gäste diese Farben. Frau Cox war eine flammende Feministin.

Witwer Brendan stand mit den beiden Kindern oben auf der Gästetribüne und hörte zu, wie Premierminister David Cameron seine Frau als eine pries, die „das Leben der anderen erhellt hat“. Das gesamte Land schien sich in Tränen aufzulösen.

Der Mord an Jo Cox hat alles verändert
Der Mord an der proeuropäischen Labour-Abgeordneten Jo Cox am 16. Juni hat die Kampagne zum EU-Referendum in den Tagen vor der Abstimmung am 23. Juni grundlegend verändert. In den vergangenen Wochen hatte sich die Debatte über Für und Wider der EU-Mitgliedschaft dramatisch zugespitzt. Statt mit dem feinen Florett zu fechten, wie es sonst die britische Art ist, traten die Kontrahenten sich gegenseitig verbal mit Füßen. Der tragische Höhepunkt war der Mord an Jo Cox am 16. Juni. Die pro-europäische Labour-Abgeordnete wurde von einem rechtsextremen Geisteskranken erschossen, nachdem er „Britannien zuerst“ gerufen hatte.

Seit dieser dunklen Stunde herrscht Seelenforschung im ganzen Land. Wie hatte es zu so einer gewalttätigen Stimmung kommen können? Dass die EU-Kampagne derart heftig geführt worden war, hatte die meisten von uns überrascht. Die euroskeptische Tendenz war in den vergangenen Jahren in Großbritannien zwar immer stärker geworden, doch bis Anfang des Jahres war die Debatte eher kühl geführt worden.

#HugABrit mit Joe Lattimer, Tessa Szyszkowitz und Caitie Derer beim European Picnic for Britain in Ostlondon
Die Autorin und Gründerin der #HugABrit-Kampagne Tessa Szyszkowitz (Mitte) mit Joe Lattimer und Caitie Derer bei einem europäischen Frühstück in Ostlondon
Die Aussicht, dass die Briten aus der EU austreten könnten, ging mir von Anfang an unter die Haut. Nicht nur, weil ich seit sechs Jahren in London lebe. Die Europäische Union ist mir als Österreicherin und Europäerin ein persönliches Anliegen. Bei allen Schwächen der EU bin ich von einem überzeugt: Es ist besser, wenn die europäischen Staatskanzleien über den Krümmungsgrad von Gurken verhandeln, als wenn sie ihre Armeen gegeneinander hetzen.

Ich beschloss, mich politisch zu engagieren

Die Briten, deren Insel nicht wie der ihnen vorgelagerte Kontinent jahrhundertelang ein einziges Schlachtfeld war, sehen den Aspekt der Friedenssicherung dagegen gelassen. Ganz gegen meine sonstige Gepflogenheit beschloss ich deshalb vor einem Jahr, mich in meiner Wahlheimat Britannien politisch zu engagieren.

Nach den britischen Parlamentswahlen im Mai trat meine Freundin Birgit Maass an mich heran:„Ich finde, wir sollten etwas tun, damit die Briten nicht austreten.“ Ich war sofort dabei. The making of #hugabrit @pleasedontgouk wurde für uns zum Lehrstück für eine Kampagne in den sozialen Medien.

Bei den ersten Abendessen luden wir Freunde und Bekannte ein, überlegten Strategien und legten die Grundsteine: Der Ton sollte strikt positiv und die Botschaft so einfach und freundlich sein, dass sie unter keinen Umständen als Einmischung von außen verstanden werden konnte. Wir mussten aber auch etwas finden, das frech und kontrovers war, damit wir überhaupt Aufmerksamkeit erregten.

Wie reserviert sind die Briten?

So entstand im Laufe des Herbstes die Idee zu #hugabrit @pleasedontgouk. Wir wollten die Briten bei ihrem Sinn für Humor packen und ihren Ruf testen, reserviert zu sein. Auf die Webseite www.pleasedontgouk.com luden wir Fotos von EU-Bürgern hoch, die Briten umarmten. Dazu gab es jeweils eine Geschichte. Die Fotos wurden über unsere Accounts auf Facebook, Twitter und Instagram geladen und durch den Hashtag #hugabrit verlinkt. Die Idee war so einfach, dass alle mitmachen konnten. Wir wollten es uns zunutze zu machen, dass das Selfie die Hauptbeschäftigung aller Teenager und Trittbrettfahrer geworden ist.

Im Laufe der Wochen hatten Birgit und ich mit allen gesprochen, die bereit waren, uns gratis zu beraten: ein ehemaliger Spin Doctor von Tony Blair; Kolumnisten in britischen Tageszeitungen; Timothy Garton Ash erbleichte, als ich ihn fragte, ob wir die Kampagne #LoveBlitz nennen sollten. In Anlehnung an „The Blitz“, wie die Briten die Bombenkampagne der deutschen Wehrmacht auf britische Städte 1940 nannten. Ich hatte #LoveBlitz für einen sehr guten Titel gehalten. Wir einigten uns dann doch auf #hugabrit.

Nach den ersten Abendessen kristallisierte sich eine kleine Gruppe heraus, die den Kern von #hugabrit darstellte: Katie Lock, eine deutsche Fotografin, Marianna Rosenfeld, eine italienische Kunstrestaurateurin, Rosa McNamara, eine irische Ärztin. Später dazu stießen die schwedische Marketingexpertin Amanda Ullman, Christine Ullmann, unsere Frau für soziale Medien, und Verena Enderle, die schüchterne und geniale Designerin, die in einer langen Nacht das Logo für #hugabrit erfand. Paul Varga, ein österreichischer Erfinder, war der einzige Mann, der sich von Anfang an für dieses unbezahlte Unternehmen begeisterte.

Wir sind keine bezahlten Agentinnen

Im Winter begann #hugabrit Gestalt anzunehmen. Gleichzeitig wurde auch klar, dass die offiziellen britischen Kampagnen „Stronger In“ und „Vote Leave“ unter hohem Aufwand und mit riesigen Budgets betrieben wurden. Die von Regierungschef David Cameron betriebene Pro-EU-Kampagne etwa produzierte eine Broschüre für neun Millionen Pfund, etwa 11,6 Millionen Euro, die durch jeden Postschlitz des Lands gesteckt wurde. #hugabrit dagegen hatte kein Budget. Den Versuch von pro-europäischen Gruppen, uns zu sponsern, lehnten wir im Ansatz ab. Auf keinen Fall wollten wir als bezahlte Agentinnen verunglimpft werden.

Prevent Brexit, please. We are participating in the #hugabrit against Brexit. I'm hugging Helen Fewlass our very British PhD candidate. Jean-Jacques Hublin
Der Leipziger Anthropologe Jean-Jacques Hublin umarmt seine britische Doktorandin Helen Fewlass.
Die Launch-Party von #hugabrit wurde dafür privat von europäischen Weinhändlern und Restaurants in London gesponsert. Christian Malnik vom Café Kipferl brachte Mini-Schnitzel und andere österreichische Spezialitäten. Zum Fest am 21. April kamen viel mehr Leute, als wir erwartet hatten. Zwei Wochen vorher hatte #hugabrit in den sozialen Medien abgehoben. Tim Dowling hatte im „Guardian“ über uns geschrieben: Diese Kampagne mit „kontinentalem Touch“ könne wirklich die britische Zurückhaltung gegenüber der EU brechen. Danach stand, hätte man im 20. Jahrhundert geschrieben, mein Telefon nicht mehr still.

Ab Mitte April ergoss sich jeden Tag eine Flut an Interviewwünschen über unser kleines Grüppchen und wir versuchten, diese so effizient wie möglich unter uns zu verteilen. Ich organisierte kleinere Hug-ins, zu denen wir Fernsehteams und Tageszeitungen einluden. 140 Artikel und Sendungen zählten wir Anfang Juni. El Pais, Le Monde, Wall Street Journal, Die Welt, BBC, CNN, ARD. Manchmal erschienen Artikel, die wir erst in Google Translate fütterten, um eine Idee zu bekommen, um welche Sprache es sich handelte.

Kritik von EU-skeptischen Blättern

In EU-skeptischen britischen Blättern wie „The Sun“, „Daily mail“ und „The Times“ wurde #hugabrit bescheinigt, zu „unbritisch“ zu sein. Ein Kolumnist meinte, was solle denn seine Frau dazu sagen, wenn er sich von einer „langbeinigen italienischen Blondine“ umarmen ließe. Das konnte #hugabrit natürlich nicht für seine Frau beantworten. Doch die Medienpräsenz wirkte: Jede Erwähnung von #hugabrit führte zu weiteren @pleasedontgouk-Fotos, die uns aus Cambridge, Thessaloniki oder Brüssel geschickt wurden.

Nach den jüngsten Umfragen liegen Befürworter und Gegner eines Austritts aus der Europäischen Union weiter Kopf an Kopf. Zehn Prozent der stimmberechtigten Briten sind immer noch unentschlossen. Die wichtigste Entscheidung für Generationen steht an. Die Briten sind grundsätzlich nicht sehr europabegeistert.

Auf der einen Seite stehen jene, die das Verhältnis ihres Landes zu Europa neu definieren wollen, weil sie sich von Brüssel überreguliert fühlen. Auf der anderen Seite finden sich die Pragmatiker, die Europa nicht lieben, aber denken, dass die Mitgliedschaft in einem Binnenmarkt von 500 Millionen Menschen eben nicht umsonst ist.

„Die besten Dinge entstehen aus Umarmungen“

Bei einem Hug-in am Parliament Square vor Big Ben fragte mich ein Reporter von Barcelona TV, ob unser Konzept angesichts dieser komplexen Gemengelage nicht „naiv“ sei. „Die besten Dinge der Weltgeschichte entstehen aus Umarmungen“, antwortete ich ihm. Dass die Briten sich nicht gerne umarmen lassen, hat sich jedenfalls in unserer Wahrnehmung nicht bestätigt. Mein erster #Hugabrit war der englische Künstler Jeremy Deller. Der Turner-Preis-Gewinner wunderte sich zwar etwas über mein Anliegen, wand sich aber keineswegs. Schließlich ist er absolut dafür, dass Britannien in der EU bleibt. Birgit umarmte sogar den EU-phoben UKIP-Chef Nigel Farage live im BBC-Frühstücksfernsehen, der dabei sanft errötete.

#hugabrit hat in den letzten Monaten der bitteren, ja hasserfüllten britischen EU-Kampagne einen positiven Ton beigefügt. Gerade nach der Ermordung von Jo Cox ist diese Erkenntnis vielleicht die wichtigste: Wir dürfen Europa nicht den destruktiven Kräften überlassen. Politische Partizipation 2016 kann auch positiv sein. Ich kann nur hoffen, dass wir genug unentschlossene Briten überzeugt haben, gemeinsam für ein besseres Europa zu kämpfen.

Fotos: pleasedontgouk.com, Tessa Szyszkowitz

https://www.youtube.com/watch?v=AowRdtL-O3Y

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© 2018 Tessa Szyszkowitz