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"Wir sind reif für eine kollektive Psycoanalyse"

"Wir sind reif für eine kollektive Psycoanalyse"

 

Foto: Alex Schlacher

Foto: Alex Schlacher

Der indische Schriftsteller Pankaj Mishra über die Krise Großbritanniens, den Wahlerfolg von Jeremy Corbyn, die imperialistischen Halluzinationen der Brexit-Befürworter und die Rolle Europas bei der Radikalisierung junger Männer.

Auch wenn der Himmel über London wie so oft bewölkt ist, nimmt Pankaj Mishra seine Sonnenbrille nicht gerne ab. Nur, weil ihm die Fotografin keine Wahl lässt, tut er es schließlich doch – und blinzelt ein bisschen unsicher in die Kamera.
Das passt zur Stimmung des 48-jährigen Autors und Schriftstellers. Seit Großbritannien für den Brexit gestimmt hat, fühlt er sich, wie viele Migranten, nicht mehr ganz wohl in seiner Haut.
Mishra ist im Norden Indiens aufgewachsen und lebt heute in Nordlondon. Er schreibt preisgekrönte literarische Essays über seine Heimat, die in hoch angesehenen Publikationen wie „The New York Review of Books“, der „London Review of Books“, im „Guardian“ und im „New Yorker“ erscheinen. 2012 wurde er vom Magazin „Foreign Policy“ zu einem der wichtigsten hundert globalen Intellektuellen ernannt, 2015 vom Magazin „Prospect“ zu einem der 50 wichtigsten Denker der Welt und 2016 trat er beim Europäischen Forum in Alpbach auf.
Sein jüngstes Buch „Das Zeitalter des Zorns“ erscheint am 22. Juni auf Deutsch (Fischer-Verlag, 416 Seiten, 24,70 €) – eine Art Weltgeschichte der gewaltbereiten jungen Männer. Mishra argumentiert darin gegen den Mainstream, der alleine religiösen Fanatismus für den Extremismus verantwortlich sieht – und macht sich auf die Suche nach weiteren Gründen.

profil: Das Zeitalter des Zorns ist über Großbritannien hereingebrochen. Terror, Brexit, ständige Wahlen. Was ist mit dem sonst so stabilen Land los?
Mishra: Wir waren es gewohnt, Unruhen in Asien oder Afrika mit Problemen der Staatsbildung zu diagnostizieren, wir haben gescheiterte Staaten und den Islam dafür verantwortlich gemacht. Jetzt aber sehen wir, dass im Westen die gleichen politischen Pathologien zu Tage treten. Unsere Erklärungen taugen nichts. Die Wahrheit ist: Wir haben in Europa seit 1945 eine Periode des Friedens und des Wohlstands erlebt. Diese Phase ist vorbei. Europa und Nordamerika haben sich wieder in die Geschichte der modernen Welt eingereiht – die sie auch selbst mit initiiert haben.
profil: Wollen Sie damit sagen, dass die jüngsten drei Anschläge, die von islamistischen Fanatikern begangen wurden, nichts mit dem Islam zu tun haben?
Mishra: Warum wird diese Verbindung immer nur bei der einen Religion gemacht? Hat jemand beim norwegischen Rechtsradikalen Anders Breivik, der 2011 ein Massaker angerichtet, gefragt, ob er christlicher Fanatiker ist? Wir können diese Anschläge nur richtig analysieren, wenn wir den breiteren Zusammenhang des Auseinanderdriftens von Gesellschaften einbeziehen. Denn dass junge Männer gewalttätig werden, ist ein globales Phänomen. Das gibt es auch in Burma und Indien. Es gibt buddhistische Mönche, die gewalttätig werden. Wie kann man das mit Religion erklären, wo die Buddhisten doch Pazifisten sind? Wir tun es nicht und wir versuchen es auch nicht. Wir sollten die Besessenheit mit dem Islam aufgeben, sie ist konterproduktiv, heimtückisch und sehr gefährlich.
profil: Wenn Sie gemütlich bei einem Glas Bier Samstag Abend in einem Pub sitzen und von drei Attentätern mit Messer angegriffen werden, die „Das ist für Allah!“ rufen, dann wäre es doch fahrlässig, nicht zu fragen, was der radikale Islam ist, vorhat und wohin er sich entwickelt, oder?
Mishra: Wir sollten nicht in die Falle gehen, die sie uns gestellt haben. Sie wollen einen Konflikt zwischen Muslimen und dem Rest der Welt provozieren. Wieso nehmen wir die Erklärungen von Halbwüchsigen, die kaum einen Satz formulieren können, ernst? Ich halte das schon seit 9/11 für katastrophal. Wir lassen uns von Klerikern mit langen Bärten die Welt erklären – das ist doch intellektueller Selbstmord.
profil: Selbst wenn wir davon ausgehen, dass es sich nicht um die Radikalisierung des Islam handelt, sondern um die Islamisierung des Radikalismus, wie es der französische Experte Olivier Roy genannt hat, müssen wir doch darüber reden, oder?
Mishra: Natürlich. Ich beschreibe die Radikalisierung der Einwanderer im späten 19. Jahrhundert sehr detailliert in meinem Buch. Diese fühlten sich marginalisiert, ausgebeutet und überarbeitet. Und nicht zuletzt auch entwurzelt. Diese Entwicklung fand parallel zur Entstehung des ethnischen Nationalismus statt. Wieso treten Terrorismus und ethnischer Nationalismus gemeinsam auf? Wenn wir diese Frage stellen, dann kommen wir dem Problem und seiner Lösung näher.
profil: Sie bringen das Wien des Fin de Siècle in Ihrem Buch ins Spiel. Die damalige multikulturelle Gesellschaft brachte den antisemitischen Bürgermeister Karl Lueger hervor, der wiederum Adolf Hitler beeinflusste. Ziehen Sie eine Parallele zu London heute?
Mishra: Darin liegt die große Ironie. Die deutschsprachigen Völker versuchten im 19. und frühen 20. Jahrhundert finanziell, politisch und militärisch so stark zu werden wie das britische Empire. Das trieb auch Hitler an. Dieser Versuch endete in zwei Weltkriegen. Deutschland und Österreich mussten sich nach der Niederlage wieder neu erfinden. Jetzt, scheint es mir, sind die Briten an der Reihe, sich mit ähnlichen politischen Pathologien zu befassen, wie wir sie in Deutschland gesehen haben.
profil: Von nationaler Seelenerforschung ist derzeit wenig zu spüren. Vorerst kommen wir weiterer politischer Instabilität und der Einschränkung der Bürgerrechte in Großbritannien näher.
Mishra: Das sind bloß Politiker-Sprüche. David Cameron und Tony Blair haben genauso geredet. Theresa May wollte doch nur die Wahlen gewinnen. Sie hat nach sechs Jahren als Innenministerin genau gewusst, dass es keine Anti-Terrorgesetze mehr gibt, die wir noch nicht haben. Ich stelle aber in der Öffentlichkeit eine gewisse Müdigkeit gegenüber dieser Rhetorik fest.
profil: Was ist denn in Großbritannien passiert, dass Ihnen das Land jetzt als kranker Mann Europas erscheint?
Mishra: Die Briten hatten sich früh erfolgreich ein Empire erobert, das sie lange mit Rohstoffen, Reichtümern und Waren versorgt hat. Jetzt, fast siebzig Jahre nach Ende dieses Weltreichs sieht die Zukunft düster aus. Die britischen Industrien, der Elan der Produktion und das wirtschaftliche Potential sind wesentlich beeinträchtigt. Dieses Land hat wirtschaftlich zu kämpfen und das unterminiert die politischen Strukturen. Nach vielen Jahrzehnten des Erfolges hat das Land seine Blütezeit überschritten.
profil: War das Brexit-Votum ein Symptom dieser Krise?
Mishra: Es ist durchaus üblich, Sündenböcke zu suchen, um von strukturellen Problemen abzulenken. Undurchsichtige Kräfte wie Globalisierung, wirtschaftliche Veränderungen, verschwindende Jobs – das ist alles sehr schwer zu erklären. Einfacher ist es, einzelne Bevölkerungsgruppen zu dämonisieren, wie das die Demagogen tun, die sofort auf den Plan treten. Vor ein paar Jahrzehnten wurden in Österreich die Juden dämonisiert. In der globalisierten, vernetzten Welt von heute gibt es auch in Ländern, die früher homogen waren, überall Minderheiten. Diese Minderheiten bekommen es jetzt ab: Bei uns hier die Muslime. Wenn man einmal die dunklen Kräfte der rassistischen ethnischen nationalistischen Kräfte losgelassen hat, dann trifft es alle. Zum ersten Mal in zwanzig Jahren, in denen ich dieses Land kenne, werde ich rassistisch angegriffen.
profil: Sie persönlich?
Mishra: „Fahr nach Hause!“, rufen sie mir auf der Straße zu. Hier in London. Seit dem Brexit-Votum fühle ich mich verunsichert. In den Rest des Landes fahre ich lieber gleich gar nicht.
profil: Sie meinen, England außerhalb von London ist eine No-Go-Zone für Menschen, die keine weiße Haut haben?
Mishra: Ich würde mich jedenfalls in manchen Gegenden sehr exponiert fühlen. Im Flugzeug letztens hat mich jemand einen „verdammten Affen“ genannt. Die Polizei hat ihn aus dem Flugzeug geholt, die Crew, der Pilot und die Passagiere sind zu mir gestanden. Es gab einen Prozess, der Typ wurde zu Sozialdienst und Bußgeld verurteilt.
profil: Großbritannien will nach dem Austritt aus der EU das Empire mit früheren Kolonien wie Indien wieder aufleben lassen. Sehen Sie da Chancen?
Mishra: Die Elite hierzulande phantasiert. Es ist alles von diesem Traum gesteuert, dass wir einmal ein großes Empire waren und dass wir das wieder werden können. Als Theresa May vor kurzem Indien besuchte, um ein bilaterales Freihandelsabkommen abzuschließen, kam sie anscheinend nicht einmal auf den Gedanken, dass das auf wenig Gegenliebe stoßen würde, wenn Großbritannien gleichzeitig indische Immigranten aussperren will. Sie hat es dann auf die harte Tour gelernt. Auch die Brexit-Bewegung leidet an dieser imperialistischen Halluzination. Das erklärt auch das beschämende Verhalten von May gegenüber Donald Trump.
profil: Beschämend? Warum?
Mishra: Beschämend für May. Sie hat Trump weder wegen des Ausstiegs aus dem Klimaschutzabkommen kritisiert, noch wegen seiner Angriffe auf den Londoner Bürgermeister Sadiq Khan nach den jüngsten Terroranschlägen – und alles nur, weil sie glaubt, einen großen Freund für die Zeit nach dem Brexit zu brauchen. Großbritannien ist wirklich reif für eine kollektive Psychoanalyse. Sigmund Freud hätte länger hier leben sollen.
profil: Wird Prinz Charles sich irgendwann für die Verbrechen des Empire an den Indern entschuldigen?
Mishra: Dafür ist es zu spät. Die Nostalgie für das Empire ist institutionalisiert, das sehen Sie sogar bei den BBC-Fernsehserien. Wir haben heute eine dysfunktionale Gesellschaft. In den 1980-er Jahren hat Margaret Thatcher die Gewerkschaften und andere soziale Strukturen zerschlagen und behauptet: „Es gibt keine Gesellschaft, wir sind alle Individuen.“ Gier wurde legitim, die Boulevardpresse ließ jegliche Hemmungen fallen. Diese Tendenzen haben unsere Gesellschaft beschädigt und dazu geführt, dass wir jetzt diese Monster geschaffen haben, die mit Messern auf Leute losgehen. Das ist ein Teil des sozialen Zusammenbruchs, den wir jetzt erleben.
profil: Aber Theresa May hat sich genau dagegen positioniert: Sie ist nicht als Thatcheristin aufgetreten, sondern als mitfühlende Konservative, die sich um die untere Mittelschicht kümmern wollte.
Mishra: Das stimmt. In ihrem Wahlprogramm hieß es: „Wir sind gegen eigennützigen Individualismus“ – also gegen das, was Thatcher vor dreißig Jahren propagiert hat Doch auch Theresa May hat eine negative Vision der Welt. Sie will sich von Europa und von der Einwanderung verabschieden. Das würde aber nur mit ethnischen Säuberungen funktionieren.
profil: Jeremy Corbyn dagegen scheint die Menschen mehr zu berühren, als alle erwartet haben.
Mishra: Corbyn wurde von seinen Feinden angegriffen, weil er sich gegen Atomwaffen ausspricht. Das müssen Sie sich mal überlegen: Massenvernichtungswaffen können die Welt zerstören. Und er wird dafür kritisiert, weil er nicht auf den roten Knopf drücken will? Wie pervertiert sind unsere Prioritäten? Wir sind alle Opfer der Kultur der Gewalt. Ich glaube, viele Briten haben das Gefühl, dass Corbyn nicht von Reichen und Mächtigen korrumpiert ist und dass er eine moralische Vision anbietet. Das ist vielleicht wirtschaftlich und politisch nicht nachhaltig, aber er sagt – wie Bernie Sanders in den USA – wenigstens, was im Land schief läuft. Und er spricht mit Mitgefühl. Deshalb ziehe ich ihn Frau May vor bei weitem. Mit Empathie kann eine verwundete Gesellschaft gesunden. Solange wir im Zeitalter des Zorns gefangen bleiben, gibt es keinen Ausweg.

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© 2018 Tessa Szyszkowitz