Israel nach der Wahl:Was es jetzt für eine Mehrheit ohne Netanjahu braucht
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Weder der Block des bisherigen Regierungschefs Benjamin Netanjahu noch der von Herausforderer Gadi Eisenkot hat eine Mehrheit errungen. Es gibt aber eine israelische Mehrheit ohne Netanjahu. Es regiert, wer koaliert.

28.10.2026
Vor dem Magier ist eine lange Schlange. Die Leute, die sich anstellen, wollen aber keine Zaubertricks. Sie wollen Falafel. Denn HaKosem – auf Deutsch: der Magier – zaubert eben die besten Falafel in Israel in die Pita. Und Hummus. Und Schawarma. HaKosem-Besitzer ist Ariel Rosenthal, der hier in Tel Aviv auf der Schlomo-HaMelech-Straße aufgewachsen ist. Sein Kochbuch heißt: „On the Hummus Route“.Es ist der Tag nach den Wahlen in Israel und mit den Falafeln ist es so wie mit den Wahlergebnissen: Beide kann man nicht ohne Palästinenser:innen denken. Denn Hummus, Falafel und Schawarma gibt es natürlich nicht nur in Israel, sie sind in der Esskultur Palästinas, der Levante, des Nahen Ostens schon lange verankert. Aber in der jüdischen Tradition eben auch. Schließlich kamen die Israelis nicht nur aus Wien und Riga hierher, sondern auch aus Bagdad und Alexandria. Die kleine Falafel – eine Kugel aus nicht gekochten Kichererbsen mit Petersilie und Zwiebel, die in Pflanzenöl frittiert wird und beim Reinbeissen diese köstliche, kleine, krachende Sensation auslöst – dieses Zauberkunstwerk, das gehört kulturell gesehen sowohl Israel:innen wie Palästinenser:innen.
Jetzt zu den Wahlergebnissen. Der bisherige Premierminister Benjamin Netanjahu hat am 27. Oktober Stimmen verloren, seine rechtsextremen Koalitionspartner Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotritsch ebenso. Aber sie haben nicht genug verloren, um der Opposition unter Gadi Eisenkot einen Sieg zu garantieren. Es werden immer noch die Stimmen der Soldaten ausgezählt, aber derzeit steht es bei 53 von 120 Sitzen für Netanjahus Block und nur 48 für seinen Herausforderer Eisenkot.
Wer wird nun zum Zünglein an der Waage? Es ist eine dicke, große Zunge, die 19 Mandate schwer ist. Die beiden arabischen Parteien Vereinte Liste Ra’am und die Gemeinsame Liste sind die großen Gewinner dieser Wahlen zum israelischen Parlament. 75 Prozent der 1,1 Millionen in Israel wahlberechtigten Palästinenser:innen haben diesmal ihre Stimme abgegeben, 20 Prozent mehr als noch 2022. Sie können entscheiden, ob Gadi Eisenkot mit seiner Anti-Netanjahu-Koalition den langjährigen Premier mit ihrer Unterstützung entthronen kann.
Oder. Eben. Nicht. Denn für einige zionistische Parteien kommt eine arabische Partei in der Regierungskoalition nicht infrage. Eisenkot hat ausgeschlossen, mit ihnen zu regieren und sich auch nur von außen unterstützen zu lassen. Denn die Gemeinsame Liste – ein Zusammenschluss aus kommunistischen und linken Juden und Arabern – bekennt sich nicht zum Zionismus. Das ist eine rote Linie für viele liberale Israelis, die Israel als jüdischen Staat erhalten wollen. Diese Wahlen aber haben nicht nur gezeigt, dass Israel gespalten ist – die Rechten um Netanjahu wollen das Land zu einer jüdischen Theokratie umbauen, das Westjordanland annektieren und die 5, 5 Millionen Palästinenser, die in den besetzten Gebieten leben, unter Umständen vertreiben.
Auf der anderen Seite stehen moderatere, liberale, auch linke Israel:innen, die ihre demokratischen Institutionen wie den unabhängigen Obersten Gerichtshof verteidigen wollen. Einen Palästinenserstaat aber wollen auch sie nicht unbedingt. Zumindest war davon im Wahlkampf nicht die Rede. I
Seit diesen Wahlen ist aber auch noch etwas anderes klar: Israel ist ohne seine Palästinenser:innen nicht denkbar. Wenn es keine Zweistaatenlösung geben kann, dann müssen nicht nur die 2,1 Millionen arabischen Israel:innen in Israel integriert werden. Sondern auch die 3,5 Millionen Palästinenser:innen, die im besetzten Westjordanland leben. Und die 2,1 Millionen Palästinenser:innen in Gaza? Die auch.
Ein Schritt in Richtung friedlicher Integration wäre es, wenn Eisenkot mit seinen Partnern die Kleinpartei Ra’am in die Koalition aufnimmt und sich von der Vereinigten Liste von außen unterstützen lässt. Dann kann er den 77-jährigen Netanjahu in Pension schicken. Oder unter Umständen in eine Zelle, denn der Korruptionsprozess gegen Netanjahu fände dann statt. Und das liberale, demokratische Israel könnte sich an liberaldemokratische Reformen machen.
„Das geht auf keinen Fall. Wir können uns nicht mit den Arabern einlassen“, sagt ein junger Mann, der Eisenkot gewählt hat. Er stellt gerade ein Lime-Bike vor dem Falafel-Laden ab: „Was, wenn ein Krieg ausbricht, auf welcher Seite stehen die Araber dann?“ Sofort entspinnt sich in der Schlange vor HaKosem ein Gespräch. „Dieses Wahlergebnis ist aber doch ein Weckruf“, widerspricht Yuval Brisker, ein amerikanisch-israelischer Unternehmer: „Es ist höchste Zeit, die Palästinenser:innen mit israelischer Staatsbürgerschaft einzubinden. Das ist jetzt der Beginn der wahren Koexistenz.“
Yair Golan, der Chef der „Demokratim“, die mit acht Abgeordneten in die Knesset einziehen werden, hat am Tag nach den Wahlen schon klargestellt: „Jede Stimme zählt gleich. Die von den arabischen Wählern in Tira genauso viel wie die von jüdischen in Givat Shmuel.“ Beides ist eben Israel. Golan ist für eine Regierungskoalition mit Unterstützung der arabischen Parteien – zumindest von außen. Er muss jetzt nur noch Gadi Eisenkot davon überzeugen.
Jüdische, christliche, muslimische Israel:innen und Palästinenser:innen könnten ihr Land zusammen weiterbauen. Eine gemeinsame Küche haben sie ja bereits. Was mit der Falafel anfängt, endet auch mit der Falafel.
Guten Appetit und einen schönen Abend,
Ihre Tessa Szyszkowitz
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