Tierhandel und Kolonialismus :Wie kommt ein Elefant in den Zoo?
https://www.falter.at/zeitung/20260908/wie-kommt-ein-elefant-in-den-zoo
Die Abenteuerjournalistin Sophy Roberts hat sich in ihrem neuen Buch auf die Spuren europäischer Imperialisten in Afrika begeben und wurde dabei auch in Österreich fündig
von Tessa Szyszkowitz Interview,
FALTER 37/2026, 08.09.2026
Kommt ein Elefant nach Schönbrunn und sagt: Warum bloß? So könnte ein Witz beginnen, aber eigentlich ist es eine ernste Geschichte. Der erste Elefant Wiens stammte aus Indien und landete im 18. Jahrhundert im Wiener Tiergarten. Als Geschenk der Niederländischen Ostindien-Kompanie an Kaiserin Maria Theresia. Ein Prestigegeschenk von Kolonialisten an eine Imperialistin.
Heute gibt es im Zoo in Wien sechs afrikanische Elefanten. Tonga, die Leitkuh, wurde 1985 noch wild im Kruger-Nationalpark in Südafrika geboren. Der Tiergarten Schönbrunn kaufte sie von einer italienischen Tierhandelsfirma für den Zoo. 2025 kam in Schönbrunn Maputo zur Welt, das erste Elefantenbaby seit 20 Jahren, das auf natürliche Weise in Schönbrunn gezeugt wurde. Mutter Numbi und Vater Abu leben auch im Zoo. Der Schönbrunner Tiergarten will so zum Artenschutz beitragen. Tierschützer bemängeln, dass Elefanten in die freie Wildbahn gehören.
Die Spur afrikanischer und asiatischer Elefanten hat auch die britische Reisejournalistin Sophy Roberts zurückverfolgt. In ihrem Buch „Schule der Elefanten“ beschreibt sie eine aberwitzige Expedition: Der belgische König Leopold II. schickte 1879 den Abenteurer Frederick Carter los, um afrikanische Elefanten zu fangen und zu zähmen. Als Lasttiere sollten sie bei der Erschließung und Ausbeutung Afrikas helfen. Weil keine gezähmten afrikanischen Elefanten zu finden waren, klapperten Leopolds Abgesandte europäische Zoos und Zirkusse ab, die sie nach Afrika bringen konnten. Das klappte nicht. Also schiffte man vier asiatische Elefanten aus Indien nach Sansibar ein.
Die abenteuerlustige Roberts ist die Route der Elefanten von Tansania bis zum Tanganjikasee nachgereist. So ist sie zur Geschichtszeugin einer der grausamsten und sinnlosesten Unterfangen der europäischen Kolonialgeschichte geworden.
Falter: Mrs. Roberts, galten Elefanten immer schon als wertvoll?
Sophy Roberts: Das Prestige eines Elefanten war extrem hoch. Es wurzelt in den mittelalterlichen Bestiarien, das sind bebilderte Tierbücher. Elefanten galten als fantastische Fabelwesen, bekannter durch Legenden als durch reale Begegnungen. Ich fand in einem österreichischen Bestiarium des 14. Jahrhunderts Zeichnungen, die wie eine Mischung aus Wolf, Nilpferd und Pferd aussehen – gezeichnet rein nach Berichten. In der europäischen Neuzeit trafen echte Elefanten erst Ende des 18. Jahrhunderts in Europa ein. Es war ein kolossaler imperialer Coup. Ich bin der Spur des asiatischen Elefanten Soliman nachgegangen. Er wurde als Geschenk des portugiesischen Königshauses an den späteren österreichischen Kaiser Maximilian II. überreicht. Soliman überlebte in Wien aber nicht viel länger als ein Jahr. Seine Vorderfußknochen...
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