Die Europaversteherin
https://www.falter.at/zeitung/20260512/sorge-dass-putin-bald-die-nato-testet-ist-real
Die Eröffnungsrednerin der Wiener Festspiele lebt zwar überwiegend in den USA, erlebt in ihrer Heimat Polen aber die Bedrohung durch Russland aus nächster Nähe

Begegnung, FALTER 20/2026, 12.05.2026
Der Judenplatz ist kein Ort für leichte Sätze. Wer hier spricht, spricht in ein Echo hinein. Auf diesem Platz erreichte schon im Jahre 1420 die Verfolgung der Wiener Juden unter dem Habsburger Herzog Albrecht V. einen vorläufigen blutigen Höhepunkt. In der Synagoge auf dem Platz hatten sich Gemeindemitglieder verschanzt. Sie begingen kollektiven Selbstmord. Die übrigen Mitglieder der Gemeinde – mehr als 200 Juden und Jüdinnen – wurden später auf Befehl des Herzogs in Erdberg verbrannt. Als Wiener Gesera ging dieses Pogrom in die Geschichte der Stadt ein.
Die zweite, noch größere Katastrophe kam 500 Jahre später mit dem Holocaust. Rund 65.000 österreichische Jüdinnen und Juden wurden in der Shoah ermordet. Seit dem Jahr 2000 erinnert Rachel Whitereads Mahnmal am Judenplatz an sie: eine Bibliothek, in der die Buchrücken nach innen zeigen, als hätte sich das Gedächtnis hier für immer eingeschlossen.
Vor diesem historischen Hintergrund könnte es einem die Sprache verschlagen. Dieses Jahr aber hält Anne Applebaum am 13. Mai die „Rede an Europa“, die seit 2019 die Wiener Festwochen eröffnet. Die US-amerikanisch-polnische Intellektuelle spricht über „The European Moment“.
Die Historikerin, 1964 in Washington geboren, hat mit ihrem Buch „Der Gulag“ ein Standardwerk über das sowjetische Lagersystem und Stalins Terror geschrieben.
2004 bekam sie dafür den Pulitzerpreis. Sie forschte zur sowjetischen Vernichtungspolitik in der Ukraine und erklärte dem Westen die kommunistische Gleichschaltung Osteuropas. Schon 2008 bezeichnete sie Wladimir Putin als das, als was er sich spätestens 2014 herausstellte: als einen imperialen Autokraten. In ihrem jüngsten Buch „Die Achse der Autokraten“ beschreibt sie, wie Diktaturen heute nicht mehr bloß ideologisch, sondern geschäftlich, technologisch und propagandistisch miteinander kooperieren.
Auch in ihrer ersten Heimat, den USA. Unter Trump 2.0 sieht sie politische und finanzielle Korruption in einem alarmierenden Ausmaß wachsen. „Was jetzt in den Vereinigten Staaten passiert, ist dramatischer, radikaler und extremer als alles, was je in Ungarn passiert ist“, sagt sie im Interview mit dem Falter. „Denn die Menschen, die Trump umgeben, sind extremer. Sie wenden sich radikal gegen die amerikanische Demokratie.“
Viele in Trumps Umfeld, sagt Applebaum, glaubten nicht einmal mehr daran, dass Demokraten ein legitimes Recht hätten zu regieren....
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