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Paneuropäischer Newskick

Paneuropäischer Newskick

https://www.falter.at/zeitung/20230822/paneuropaeischer-newskick

Die britische Tageszeitung Guardian, das Springer-Medium Politico und das alteingesessene Brüsseler Euractiv stellen sich neu auf – und senden für ganz Europa 

TESSA SZYSZKOWITZ MEDIEN, FALTER 34/2023 VOM 22.08.2023 

Das Sommerloch mag sich über ganz Europa ausgebreitet haben, aber an einem Ort ist davon nichts zu spüren: in den Büros des Guardian in London. Und nicht nur in der britischen, auch in anderen europäischen Hauptstädten rauchen den Korrespondentinnen und Korrespondenten des linksliberalen Aushängeschilds des Qualitätsjournalismus die Köpfe. Denn am 20. September soll es so weit sein: Der Guardian bekommt zusätzlich zu einer britischen, einer amerikanischen, einer australischen und einer internationalen Ausgabe auch eine europäische. 

Im digitalen Zeitalter heißt das: Gedruckt wird sie zwar nicht, aber künftig kann die geneigte Leserschaft oben rechts auf der Webseite anklicken, ob sie die europäische oder die britische Ausgabe lesen will. „Die vergangenen Jahre haben deutlich gemacht, dass es einen absoluten Hunger nach europäischem Journalismus gibt – sowohl in Großbritannien als auch in Europa“, sagt Katherine Butler, Associate Editor for Europe beim Guardian. Denn: „Es ist ein außerordentlicher geopolitischer Moment für Europa. Der Krieg in der Ukraine macht diesen Zeitpunkt noch akuter. Alle großen Herausforderungen sind europäische und globale Themen: Was passiert in diesem Krieg? Und was danach? Wie gehen wir mit KI oder mit dem Klimawandel um?“ 

Der Guardian ist nicht die einzige Zeitung, die gerade einen paneuropäischen Newskick erlebt. Beim Internetmedium Euractiv, das seit 1999 mit europäischen Themen bei einem europaweiten Publikum punktet, ist im Mai das niederländische Mediahuis eingestiegen. Das jüngste der Europamedien ist das in Washington, D.C., gestartete Politico, das seit 2021 im Besitz des Springer-Verlags ist.Politico hat nicht nur ein gedrucktes Magazin, das in Brüssel erscheint. Die Onlineredaktionen in den europäischen Hauptstädten werden ständig ausgebaut. Über politico.eu wird eine europäische Öffentlichkeit erreicht. Ab September soll es jetzt den täglichen Newsletter Playbook Berlin geben. 

Ein Grund für die europäische Euphorie: Der Markt ist auch finanziell interessant geworden. Im Guardian sieht man das so. Weil das eigene Finanzmodell gut funktioniert – es gibt keine Paywall wie bei den meisten Medien, aber finanzielle Unterstützung von rund einer Million Userinnen und User, die mit Abonnements, extra bezahlten Plus-Inhalten und Einzelbeiträgen die Kassen füllen –, hat die 200 Jahre alte Zeitung die finanzielle Kraft, in etwas Neues zu investieren. 2022 hat die Guardian Media Group 264 Millionen Pfund (309 Millionen Euro) Gesamtumsatz gemacht. In den Jahren von Brexit und Covid-Pandemie hat sich die Guardian-Website immer größeren Zulaufs erfreut – wegen der Themen, aber auch, weil Qualitätsjournalismus sonst kaum ohne Abo zu haben ist. „Unsere europäischen Userzahlen sind seit 2016 wirklich auffällig gestiegen – und die finanzielle Unterstützung auch“, sagt Katherine Butler. Europa ist der drittgrößte Markt nach Amerika und Australien. Es ist deshalb gut, dass die europäischen Leser dem Guardian auch nach dem Brexit und der Pandemie treu geblieben sind, weil der Zeitung in Großbritanniens stotternder Wirtschaft die Anzeigen wegschmelzen. 

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© 2018 Tessa Szyszkowitz