„Fanatismus wird nicht unbedingt aus Hass geboren“

„Fanatismus wird nicht unbedingt aus Hass geboren“

https://www.falter.at/zeitung/20221213/fanatismus-wird-nicht-unbedingt-aus-hass-geboren

 Die britische Transgender-Autorin Shon Faye über die Gründe für die aufgeheizte Diskussion um Gender-Identität 

TESSA SZYSZKOWITZ MEDIEN, FALTER 50/22 VOM 13.12.2022


Shon Faye hat sich schon lange von Twitter verabschiedet. Die giftigen Auseinandersetzungen auf dem Kurznachrichtendienst fand sie wenig hilfreich für ihre Arbeit als Autorin, Publizistin und Aktivistin. Hasskampagnen richten sich besonders oft gegen Frauen, was ihr als Transfrau besonders unter die Haut ging. Auf Instagram präsentiert sie sich dagegen ganz gern mit Selfies, mit denen sie Einblicke in ihr Leben als Frau gibt. Selten, aber doch stimmt sie einem Interview zu – wie jetzt mit dem Falter. 

Falter: Die Transgender-Frage wird auch in Deutschland und Österreich inzwischen sehr emotional diskutiert. Vor allem in sozialen Medien fliegen die Fetzen. Wieso erregt die Diskussion um Transgender-Menschen derart die Gemüter? 

Shon Faye: Fanatismus wird nicht unbedingt aus Hass geboren. Leute denken, sie verteidigen ein höheres Ideal. Kinder, Ehe, Kirche, die weiße Rasse – oder Frauen. Dahinter sitzt Angst. Was wird den Status quo ersetzen? Die Angst betreffend Trans hat damit zu tun, dass die Idee der binären Geschlechter so tief in unserer Gesellschaft eingewoben ist. Das Geschlecht ist eines der ersten Dinge, die wir über jemanden wissen wollen.  

Falter: Die Angst vor Homosexualität kam oft von Seiten der Kirche. Heute aber zerlegt sich eher das progressive Lager gegenseitig: Transgender-Aktivisten gegen Feministinnen. 

Faye: Dabei ist doch das binäre System für alle restriktiv. Es gibt niemanden auf der Welt, dessen Geschlechtszuschreibung ihn oder sie vollkommen beschreiben kann. Für Frauen ist Gender ein besonders oppressives System. Bei Geburt als Frau definiert zu werden, heißt doch in unserer Gesellschaft immer noch oft, benachteiligt zu werden. Frauen werden in manchen Teilen der Welt auf Reproduktion reduziert. Frauen sind der Gewalt von Männern ausgesetzt. Für mich hat der Kampf der Frauen und jener der Transgender-Personen eine gemeinsame Ausrichtung. Denn die republikanischen Gouverneure, die in den USA den Frauen ihr Recht wegnehmen, über den eigenen Körper zu bestimmen, sind ebenso schnell, wenn es darum geht, Transgender-Menschen den Zugang zum Gesundheitssystem zu verweigern. 

Falter: In Amerika ist das ein Trend, der bereits vom Höchsten Gericht unterstützt wird. 

Faye: Nicht nur in Amerika sind die Evangelisten, Rechtsradikalen und Faschisten besonders transphob. Auch in Ungarn ist das so. Die sind besessen von Transgender-Personen. Weil Trans-Leute alle Werte in Frage stellen, die sie hochhalten. 

Falter: Die Feministinnen aber sind anders, sie wollen den Transgender-Personen ja ihre Rechte zugestehen, nicht wegnehmen. Sie unterscheiden sich nur da, wo sie fürchten, dass Transgender-Personen Frauenrechte beschneiden wollen, für die man hart gekämpft hat. Umkleide-Kabinen für Frauen zum Beispiel. Faye: Sind Transgender-Frauen eine echte Bedrohung? Transgender-Frauen benutzen seit Jahrzehnten Frauengarderoben. Da fragt niemand nach der Geburtsurkunde. Ich habe noch nie einen Ausweis vorzeigen müssen, wenn ich auf ein Frauenklo gegangen bin.  

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