Making Modernism : Ein Manifest für weibliche Kunst

Making Modernism:
Ein Manifest für weibliche Kunst

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Unterschätzt, verdrängt, erst spät gewürdigt: Die Royal Academy of Arts in London wirft einen Blick auf vier deutsche Künstlerinnen. 

Von Tessa Szyszkowitz 


Georg Baselitz ist nicht nur für seine Kunst berühmt, sondern auch für die Äußerung: „Frauen malen nicht so gut.“ Der betagte Maler sprach 2013 zu seinem 75. Geburtstag mit dem Spiegel und fügte mit Bestimmtheit hinzu: „Das ist ein Fakt.“ 

Dem deutschen Großkünstler sei ein Besuch der Londoner Royal Academy of Arts empfohlen. Derzeit wird dort die Ausstellung „Making Modernism“ gezeigt, die vier Künstlerinnen des beginnenden 20. Jahrhundert aus Deutschland präsentiert: Paula Modersohn-Becker, Käthe Kollwitz, Gabriele Münter und Marianne Werefkin. Auch drei weitere „Malweiber“, wie Künstlerinnen vor hundert Jahren noch abschätzig genannt wurden, wurden in die Schau inkludiert: Ottilie Reyländer, Erma Bossi und Jacoba van Heemskerck. 

Kuratorin Dorothy Price ging es nicht darum, die Malerinnen gegen Baselitz‘ These ins Rennen zu schicken und ihre Qualität als Künstlerinnen zu beweisen. Das wäre 2022 viel zu altbacken. Viel mehr verrät schon der Titel der Schau, dass es um die innovative Kraft der Malerinnen geht, die am Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland einen wichtigen Beitrag zur Moderne geliefert haben. Ihre weibliche Perspektive auf Körper, Mutterschaft und Kinder, sexuelles Verlangen und Intimität finden einen spürbar anderen Ausdruck als bei den männlichen Zeitgenossen. 

Obwohl sie keiner kohärenten Künstlerbewegung zuzuordnen sind, haben sie sich doch alle mit dem Expressionismus auseinandergesetzt. Paula Modersohn-Becker (1876-1907) gehörte zum Kreis um die Künstlerkolonie Worpswede in der Nähe von Bremen, flüchtete aber in der Sehnsucht nach mehr künstlerischer Freiheit nach Paris. Dort begann sie weibliche Akte mit den Augen einer Frau zu malen – auch sich selbst. Sogar schwanger, was bis dato noch nicht geschehen war. 

Käthe Kollwitz (1867-1945), bekannt für ihre dunklen Porträts verhärmter Frauen, verarbeitete die eigenen Traumata: Sie verlor einen Sohn im ersten und einen Enkel im Zweiten Weltkrieg. Die vom Sozialismus stark beeinflusste Künstlerin zeigte in ihren Kohlezeichnungen die Auswirkungen von Krieg und Armut auf die Arbeiterklasse. Sie wurde 1919 die erste Professorin der Preußischen Akademie der Künste. Im Dritten Reich musste sie ihre Position aufgeben, geriet aber nie in Vergessenheit. 

Die Künstlerinnen mussten sich nicht nur gegen männliche Vorurteile durchsetzen, sie hatten ganz konkret ein Grundproblem: Bis zur Weimarer Republik gab es in Deutschland kaum eine Akademie, die Frauen aufnahm. Eine Ausbildung wurde ihnen verwehrt, solange sie nicht aus betuchten Familien stammten und sich Privatstunden oder sogenannte „Damenakademien“ leisten konnten. ...

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© 2018 Tessa Szyszkowitz