Happy birthday, Auntie Beep

Happy birthday, Auntie Beep!

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100 Jahre BBC 
Die BBC wurde 1922 gegründet. 1926 erkannte das britische Parlament das Potential eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks und baute diesen auf. Über Gebühren nimmt die BBC heute knapp vier Milliarden Euro ein. Es gibt einen Aufsichtsrat, das BBC-Board, in den auch die Regierung Vertreter entsendet. Die Royal Charter der BBC wird alle elf Jahre erneuert, das nächste Mal 2027. 


Ihre Rede explodierte wie eine Bombe: „Im BBC-Aufsichtsrat sitzt ein aktiver Agent der konservativen Partei, ein ehemaliger Spindoktor in der Downing Street, der jetzt Schiedsrichter über die Unparteilichkeit der BBC spielt.“ Was Emily Maitlis in ihrer James-MacTaggart-Memorial-Lecture in Edinburgh im August 2022 laut sagte, hatte man sich längst schon leise zugeraunt: Die britische Regierung mische sich auf unziemliche Art und Weise in die Berichterstattung der BBC ein. 

Seit der Gründung 1922 gilt die BBC als bestes Beispiel für ausgewogenen, kritischen Qualitätsjournalismus. Auch in Österreich zitiert man die alte Tante BBC gern als Vorbild, wenn es darum geht, öffentlich-rechtliche Sender wie den ORF zu verteidigen. Doch zum 100. Geburtstag kämpft „Auntie Beep“, wie die Briten die BBC gerne nennen, um ihre Daseinsberechtigung - und ihre Finanzierung.

Jahrelang hatte Anchorwoman Emily Maitlis Newsnight moderiert, das Äquivalent der BBC zur ZIB 2. Sie war für ihre kritischen Einmoderationen und Interviews berüchtigt, vor allem in der Hochphase der Brexit-Verhandlungen und der Covid-Pandemie. Sie nahm Politiker in die Mangel, wenn sie unangenehmen Wahrheiten auswichen und populistische Luftblasen steigen ließen. Seit ihrem BBC-Interview mit Prinz Andrew vor drei Jahren war Maitlis auch international ein Star. 

In der BBC goutierte man das nicht. Im Februar 2022 verließ die Spitzenjournalistin entnervt die BBC und gründete mit Kollegen den unabhängigen Podcast The News Agents. Der erfreute sich in diesem Herbst bereits großer Beliebtheit. Was Maitlis aber zum Abgang von der BBC bewogen hat, beschrieb sie in ihrer viel beachteten Rede im August: Mit dem Sieg des Populismus im Brexit-Votum 2016 und den nachfolgenden Wahlen, änderte sich das Verhalten der Politik gegenüber der BBC. Es ging nicht mehr nur darum - wie unter Tony Blair oder David Cameron üblich -, dass Spindoktoren die BBC-Redaktion mit Anrufen quälten, wenn sie sich schlecht behandelt fühlten. Die von Boris Johnson angeführten Brexitpopulisten wollten nicht nur intervenieren, sie wollten die gesamte BBC umbauen. Und aus Angst, abgeschafft zu werden, zensurierten sich die BBC-Journalisten selbst, sagt Maitlis: „Wir hatten die Geschwindigkeit nicht vorausgesehen, wie schnell die BBC versuchte, die Beschwerden zu befrieden.“ 

Kommt Ihnen das bekannt vor? In Wien und London machten sich Rechtspopulisten, sobald sie an der Regierung waren, gleichermaßen eilig daran, die Macht ihres öffentlich-rechtlichen Senders zu brechen. Regel Nummer Eins im populistischen Playbook: Die Finanzierung durch Rundfunkgebühren abschaffen. Die FPÖ betrieb dies bis zum Fall der türkisblauen Regierung 2019. In Britannien hatte die Regierung Johnson die Abschaffung für 2027 angekündigt. 

Sowohl in Wien wie in London scheint sich der aggressive Rechtspopulismus als Regierungsform jetzt erst einmal selbst erledigt zu haben. Boris Johnson und seine Nachfolgerin Liz Truss wurden wie Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache Opfer der eigenen Selbstüberschätzung und Inkompetenz. Der Druck auf ORF und BBC sinkt deshalb auf Normalniveau, die Zerschlagung findet erst einmal nicht statt. 

Doch Reformen stehen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk trotzdem an. Die Finanzierung über Mitgliedsgebühren für alle wird sich vielleicht nicht mehr lange  ....

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© 2018 Tessa Szyszkowitz