Der zweite Clownfall

Der zweite Clownfall

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Dass Johnson als Favorit gehandelt wird, ist eine Farce In ihrer Verzweiflung könnten die Tories den Ex-Premier vom Strand holen. Dabei hat er gleich zwei Dinge bewiesen: Er kann Wahlen gewinnen, aber nicht regieren. 

Ein Kommentar von Tessa Szyszkowitz 



Sie kam, sah und verlor so schnell, dass die Erinnerung an Liz Truss bereits jetzt verblasst. Außer ihrem Vorgänger Boris Johnson spricht zwar kaum jemand mehr in lateinischen Zitaten, aber wenn, dann wird die dritte weibliche Regierungschefin des Vereinigten Königreiches nicht für den schnellen Sieg mit Cäsar verglichen, sondern für sein unrühmliches Ende als gemeuchelter Diktator. 

Die Tories sind dafür bekannt, dass sie nicht zimperlich sind. Wer an der Urne nicht mehr zieht, wer die Partei nicht zusammenhält, der – oder die – wird schnell gestürzt. Das ist ein ehernes Gesetz der britischen Konservativen. Die Tories halten sich nicht mit Losern auf. Oder doch? Man fasst es nicht, aber wer hat die größten Chancen, Truss zu beerben? Johnson. Der Vorgänger könnte ihr Nachfolger werden. Das ist kein Witz.

Donnerstagnacht brummten in Westminster die Mobiltelefone, die Whatsapp-Gruppen der Tories kamen auch zu später Stunde nicht zur Ruhe. Erste Umfragen machten die Runde. Boris habe inoffiziell 140 konservative Abgeordnete hinter sich, seufzte der ehemalige konservative Stadtssekretär für Justiz David Gauke entsetzt: „Sollte er antreten, dann könnte die Partei auseinanderbrechen.“ 

Der ehemalige Volkstribun, der mit Schimpf und Schande wegen multipler Skandale gerade erst aus dem Amt gejagt wurde, ist zurück in den Schlagzeilen. Sein Leibblatt „Daily Telegraph“ titelt: „Boris Johnson: Ich kann euch vor der totalen Wahlniederlage bewahren“. Freitagmittag hatten sich schon 40 Tories offiziell hinter die Operation „Bring Back Boris“ gestellt. Kann sein ehemaliger Finanzminister Rishi Sunak ihn verhindern? 

Nicht zufällig hatte Johnson in seiner letzten Rede als Premierminister am 6. September Cincinnatus zitiert. Der römische Staatsmann gilt als einer der wenigen, die sich nicht an die Macht klammerten und bescheiden auf seine Felder zurückkehrte, sobald sein Job erledigt war. Doch Johnson hatte Cincinnatus wohl nicht wegen der Bescheidenheit erwähnt. Er hatte vielmehr verschmitzt auf eine andere Parallele gesetzt: Cincinnatus wurde später noch ein zweites Mal nach Rom geholt, um eine Verschwörung gegen die späte Republik niederzuschlagen. 

Die Encyclopedia Britannica kennt keine historischen Belege für diese Rückkehr, aber was soll’s. Auch sein Idol Churchill hatte sich eine zweite Amtszeit gegönnt. Die Konservativen regieren seit zwölf Jahren. Seit dem Brexitvotum 2016 versinkt nicht nur die Partei, sondern das gesamte Vereinigte Königreich im politischen Chaos. Resultat: Die Tory-Party liegt 36 Prozentpunkte hinter der Labour-Party in der Wählersympathie. Nur ein Wunder kann sie vor einer blamablen Wahlniederlage retten.  

In ihrer Verzweiflung könnten die Konservativen Boris vom Strand holen. Britannien steht dann ein zweiter Clownfall (© The Economist) bevor. Denn eines hat Johnson schon bewiesen: Er kann Wahlen gewinnen. Aber er kann nicht regieren. 

Doch wer dem klassischen Drama verhaftet ist, der geht aufs Ganze. Gerade noch urlaubte Boris Johnson mit seiner Familie in der Karibik und baute mit den jüngsten Sprösslingen Romy und Wilfred Sandburgen am Strand. Dann kam der Anruf. London calling! Boris Johnson erhob sich, reckte die Plastikschaufel in die Luft und rief: „Wie Cincinnatus bin ich zu meinem Pflug zurückgekehrt. Wie Cincinnatus komme ich jetzt wieder!“ Er hat nichts zu verlieren als seine Badehose.  

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© 2018 Tessa Szyszkowitz